| Geriatrisches
Symposium Geriatrisches
Symposium „Ernährung und Schluckstörungen im Alter"
am
18.7.2004 im Alleesaal Bad Schwalbach
Diagnostisches Management bei Schluckstörung am Otto-Fricke-Krankenhaus
Dr. Marcel Blonder, Oberarzt am Otto-Fricke-Krankenhaus,
Dysphagie-Team
Essen und Trinken
bedeuten für uns Genuss und Lebensfreude. Die Prämisse
dazu ist ein normaler Schluckakt. Durch Krankheit, aber auch mit
zunehmendem Alter kann das Schlucken zu einem ernsthaften Problem,
mit schwerwiegenden Gesundheitsfolgen und Nachteilen für das
soziale Leben werden.
Nach der Schluckvorbereitung
in der Mundhöhle (orale Phase) und Auslösung des Schluckreflexes,
durch Berühren der Gaumenbögen durch den Bolus, erfolgt
die Passage des Rachenraumes (pharyngeale Phase) bis in die Speiseröhre.
Während der pharyngealen Phase verschließt das Gaumensegel
den Nasenraum und der Kehldeckel den Kehlkopfeingang und damit die
Luftröhre, um eine Regurgitation in den Nasenraum bzw. eine
Penetration und Aspiration des Bolus zu vermeiden. Die Passage der
Speiseröhre, bis zum Eintritt in den Magen, erfolgt in etwa
20 sec., bei älteren Menschen dauert es deutlich länger.
Bei Störungen
einer oder mehrerer Schluckphasen kommt es zu Schluckstörungen.
Sie können durch alterungsabhängige, physiologische Veränderungen,
aber auch durch strukturelle und neurologische Ursachen entstehen.
Alterungsabhängige
physiologische Veränderungen des Schluckens können bei
älteren Personen in erster Linie durch einen trockenen Mund,
durch eine Verzögerung des Schluckreflexes aber auch durch
eine Verzögerung der Relaxation des oberen Ösophagussphinkters
bedingt sein.
Zu den strukturellen
Ursachen von Schluckstörungen zählen außer einem
schlechten Zahnstatus mit Beeinträchtigung der oralen Phase,
Schleimhautentzündungen in unterschiedlichen Höhen des
Oro-Pharyngo-Ösophageal-Traktes. Schluckstörungen treten
gehäuft bei Druckläsionen der Mundschleimhaut durch eine
schlecht sitzende Prothese und bei Mundsoor auf.
Schluckstörungen
werden ebenfalls durch Passagehindernisse ausgelöst, wie z.
B. durch Raumforderungen und nach Resektionen anatomischer Strukturen
im Bereich der Mundhöhle, des Pharynx, des Larynx und des Ösophagus,
aber auch durch postoperative Schwellungen und Magenhernien in den
Thorax. Patienten mit osteosynthetischem Material im HWS-Bereich
weisen vorübergehend in einer hohen Prozentzahl Schluckstörungen,
durch unmittelbare anatomische Nähe der HWS zu den Speisewegen
und zum Larynx auf. Der Abstand zwischen der Epiglottis und der
Schleimhaut vor der HWS ist extrem gering.
Schluckstörungen
können auch neurologischer Ursache sein, wobei viel mehr als
Muskelparesen sensible Defizite des Oro-pharyngo-laryngeal-Bereiches
für neurogene Dysphagien verantwortlich zu machen sind. Der
Schlaganfall ist mit Abstand die häufigste Ursache von neurogenen
Dysphagien. Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Demenz weisen
in ca. 84% der Fälle Störungen der oro-pharyngealen Phase
und in 24% der Fälle Aspirationen auf.
Symptome, wie
eine belegte Stimme, ein intensives Räuspern und Husten nach
Schlucken, Erstickungsanfälle und Angst vor Verschlucken, deuten
zwar auf das Vorliegen von Schluckstörungen hin, sind aber
nicht unbedingt spezifisch.
Schluckstörungen
führen sehr oft zu Mangelernährung und Flüssigkeitsmangel,
zum sozialen Rückzug, mit entsprechender Einschränkung
der Lebensqualität, zur Aspiration mit konsekutiver Pneumonie.
Die Mortalitätsrate bei Schlaganfallpatienten mit Aspiration
liegt im 1. Jahr bei 20% und bleibt auch in den Folgejahren extrem
hoch. Beim M. Alzheimer im Endstadium ist die Aspirationspneumonie
die häufigste Todesursache. Die Diagnose einer Aspirationspneumonie
erfolgt röntgenologisch. Das Pneumonierisiko bei Aspirationen
hängt nicht nur von der Aspirationsfrequenz und vom Aspirationsvolumen,
sondern auch von der Zusammensetzung und von dem ph-Wert des Aspirates
ab. Aspiration von Magensaft und von sauren Speisen und Fruchtsäften
hat katastrophale Folgen für den Patienten.
Klinische Untersuchungen
haben eine relativ niedrige Spezifität, unter 70%. Bislang
bietet der sogenannte Wasserschlucktest nach Daniels die beste Evidenz,
mit 92%iger Sensitivität, für eine Dysphagie.
Ausschließlich
instrumentelle Untersuchungsmethoden erlauben uns differenziert
und individuell zu therapieren, um schwerwiegende Komplikationen
wie Aspirationspneumonien zu vermeiden und nicht jedem Dysphagiker
eine perorale Ernährung zu verbieten. Die apparative Diagnostik
ist erforderlich, um präzise Angaben über die geeignete
Boluskonsistenz und -größe, die der Patient aufnehmen
kann, über die maximale Zeit für eine sichere Mahlzeit
aber auch über eine effiziente Kopfhaltung, über effiziente
Reinigungsmanöver und Schlucktechniken zu machen. Die beiden
wichtigsten apparativen Methoden zur Diagnostik bzw. zum Therapiemonitoring
sind die Endoskopie und die Videofluoroskopie.
Die Endoskopie
wird in der Regel primär eingesetzt. Sie erstreckt sich über
eine komplette Mahlzeit und ist somit keine Momentaufnahme. In geübten
Händen treten keine Komplikationen auf. Eine fahrbare endoskopische
Einheit ermöglicht auch bedside Untersuchungen. Die Endoskopie
ist bei allen neurogenen Dysphagien obligat (Leitlinien für
neurogene Dysphagien 2003 der GGNKN).
Kernstück
jedes endoskopischen Equipments bleibt das Bronchoskop, wir verwenden
ein Endoskop mit einem distalen Außendurchmesser von nur 3,5
mm. Der transnasale Zugang ist unabhängig von der Höhe
der Nasenhöhle fast widerstandslos. Epipharyngeal, mesopharyngeal,
hypopharyngeal und schließlich supraglottisch werden die anatomischen
Strukturen und die Schluckfunktion in den entsprechenden Regionen
beurteilt. Sensibilitätsprüfungen und therapeutische Interventionen
werden geprüft. Zu den Landmarken der Endoskopie zählen
die Regurgitation in den Nasonpharynx, Retentionen im Hypopharynx
aber auch mögliche Penetrationen und Aspirationen.
Die Schweregradeinteilung der Dysphagie erfolgt auf einer Skala
nach Rosenbeck von Grad 1, wobei geschlucktes Material nicht in
die Atemwege vordringt, bis Grad 8, das aspirierte Material dringt
bis unterhalb der Glottis vor. Bei Grad 8 erfolgt keine Bemühung
zum Ausstoßen. Wir unterscheiden allerdings über den
Grad 8 hinaus, bezüglich therapeutischer Konsequenzen, zwischen
hohen und tiefen Aspirationen.
Die zweite wichtigste
diagnostische Untersuchungsmethode, die uns zur Verfügung steht,
ist die Videofluoroskopie. Es handelt sich hierbei um eine radiologische
Untersuchung der oropharyngealen Funktionen, von der oralen Nahrungsaufnahme,
über die oropharyngeale Passage bis zum ösophagealen Übertritt
mit besonderem Augenmerk für die Funktion des oberen Ösophagussphinkters.
Die Videofluoroskopie ist eine komplementäre Untersuchungsmethode
zur Endoskopie. Sie erfasst den gesamt Schluckablauf, den Zeitpunkt
und das Ausmaß von Aspirationen, einschließlich intradeglutitiver
Aspirationen sowie Dysfunktionen des oberen Ösophagussphinkters.
Die Effektivität therapeutischer Interventionstechniken ist
auf einen Blick erkennbar.
Die Videofluoroskopie ist allerdings nur bei transport- und kooperationsfähigen
Patienten durchführbar, sie bedeutet Strahlenbelastung und
deshalb sind nur kurze Untersuchungszeiten möglich. Die Videofluorskopien
sind in jeder radiologischen Abteilung durchführbar.
Zur röntgendiagnostischen Untersuchung der Schluckmechanismen
verwenden wir Isovist 240, (Iotrolan) und Microtrast-Paste (Bariumsulfat).
Bariumsulfat wird erst nach Aspirationsausschluss eingesetzt, weil
aspiriertes Barium unter Umständen zu Entzündungen und
Fremdkörpergranulomen führen kann. Es werden unterschiedliche
Konsistenzen und unterschiedliche Testvolumina, von 5 bis 15 ml,
in unterschiedlichen Applikationsformen, bei unterschiedlichen Kopfhaltungen
bzw. Schlucktechniken eingesetzt. Die Beurteilung der Schlucksequenzen
erfolgt zunächst im seitlichen Strahlengang und anschließend
postero-anterior, um Seitenlokalisationen der Schluckereignisse
bestimmen zu können.
Der Einsatz
apparativer Untersuchungsmethoden sollte bereits in den frühen
Phasen von Schluckstörungen erfolgen, um durch eine zuverlässige
Analyse der Schluckfunktionen schwerwiegende Komplikationen von
Dysphagien zu vermeiden und eine individuelle Therapie zu ermöglichen.
Literatur:
Bartholome,
G.; Buchholz, D. W.; Feussner, H.; Hannig, Ch. et al. (1999). Schluckstörungen.
Diagnostik und Rehabilitation. München / Jena: Urban and Fisher
Karnell, M. P. (1994). Videoendoskopy from Velopharynx to Larynx.
Clinical Competence Series San Diego, California: Singular publishing
Mann, G.; Hankey, G. J.; Cameron, D (1999). Swallowing Funktion
After Stroke. Prognosis and Prognostic Factors at 6 Month. Stroke
30
Murray, J. (1999). Manual of Dysphagia Assessment in Adults. San
Diego: Singular Publishing.
Stanschus, S. (2000) Videofluoroskopie und diätetische Maßnahmen
bei Dysphagie. Forum Logopädie
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