| Geriatrisches
Symposium „Spezielle Aspekte der Schlaganfallbehandlung"
des Otto-Kricke-Krankenhauses am 28.9.2001
im Katharinenstift in Wiesbaden Biebrich
Schlaganfall und Schlucken
Diagnostik und Therapie dysphagischer Strörungen
Dr. Marcel Blonder, Oberarzt am
Otto-Fricke-Krankenhaus, Dysphagie-Team
Dysphagie,
ein wachsendes Problem in der Geriatrie
Schluckstörungen
sind noch ein vernachlässigtes Problem
in der Medizin.
Die European Study Group for Diagnosis and Therapy
of Dysphagia and Globus führte im Sommer
1999 die erste Umfrage zum Thema Dysphagie durch.
Es wurden 360 ältere Personen, im Alter zwischen.
55 und 80 Jahren, interviewt, die sich in Pflegeheimen
oder Kliniken in einigen EU-Ländern aufhielten
und bei denen Schluckstörungen diagnostiziert
wurden. Es bot sich ein trauriges Bild. Hier nur
zwei Beispiele. Nur 39% der Studienpatienten in
Deutschland bzw. 27% in der EU wurden vorher durch
den Arzt oder die Krankenschwester zu den Schluckproblemen
befragt. Eine Behandlung erfuhren in Deutschland
weit weniger Patienten als in den Nachbarnländern.
Ätiologie
der Schluckstörungen
Neurogene Schluckstörungen sind von
erheblicher epidemiologischer Bedeutung.
Der Schlaganfall ist mit ca. 25% die häufigste
Ursache von neurogenen Schluckstörungen.
In der Akutphase treten neurogene Schluckstörungen
bei über 60 % der Schlaganfallpatienten auf.
Weitere neurogene Schluckstörungen finden
wir bei 40-50 % der Parkinsonpatienten, bei 25
% der Schädel-Hirnverletzten, aber auch bei
Patienten mit Demenz, Hirntumoren und Hirnhautentzündungen.
Strukturelle
Veränderungen wie Tumore und Verletzungen
der Mundhöhle und des Rachenraumes, entzündliche
Prozesse (z.B. Schleimhautmykosen unter der Zahnprothese)
rufen Schluckstörungen hervor.
Auch
Medikamente können Schluckstörungen
verursachen. Menschen in medizinischen Einrichtungen
werden leider gelegentlich noch medikamentös
ruhig gestellt.
Die sensible Innervation des Larynx und des
subglottischen Bereiches
Wir
alle schlucken ca. 1500 mal täglich, ganz
automatisch und selbstverständlich. Wir brauchen
nicht darüber nachzudenken. Das Schlucken
ist angeboren, so normal wie das Atmen und muß
nicht erlernt werden.
An
einem einzigen Schluckvorgang sind ca. 50 gepaarte
Schluckmuskeln beteiligt. Vielmehr als Schluckmuskelparesen
sind aber sensible Defizite des
oro-pharyngo-laryngealen Bereiches sowie eine
verzögerte Schlucktriggerung, eine verminderte
Hyoid-Larynx-Elevation und Dysfunktionen des oberen
Ösophagussphinkters für neurogene Schluckstörungen
verantwortlich zu machen.
Die
sensible Inervation der supraglottischen
und subglottischen Bereiche, durch N. laryngeus
sup. bzw. N. laryngeus inf., beide Äste des
Vagus, sind von entscheidender Bedeutung für
den Schutz dieser Strukturen während des
Schluckens, falls es zu Penetration oder Aspiration
kommt.
Komplikationen
von Schluckstörungen
40-60%
der Patienten in deutschen Krankenhäusern
sind mangel- oder fehlernährt, viele aufgrund
einer Schluckstörung. 90 % der schluckgestörten
Menschen weisen einen Flüssigkeitsmangel
auf. Malnutrition und Exikkose führen
zu Gewichtsverlust, Verschlechterung des Allgemeinzustandes,
Wundheilungsstörungen, erhöhter Infektanfälligkeit,
Störungen der geistigen und psychischen Funktionen.
Bestehende Krankheiten werden negativ beeinflusst.
Die
Aspiration von Flüssigkeiten und von Speiseresten
führt zur Lungenentzündung.
Die Mortalitätsrate bei Schlaganfallpatienten
mit Aspiration liegt im ersten Jahr bei 20%, und
bleibt auch in den Folgejahren extrem hoch.
Schluckstörungen
führen zum sozialen Rückzug,
das Essen in der Öffentlichkeit wird wegen
Peinlichkeit vermieden.
Retrospektiven Analyse der Fiberendoskopie-Protokolle
Es
sollte vor allem die Prävalenz von
Aspirationen bei geriatrischen Patienten mit neurogener
Dysphagie untersucht werden.
Methodik
Im
Zeitraum 01.01.-31.12.2000 haben wir 105 Patienten
mit klinisch manifester Dysphagie bei neurologischen
Erkrankungen zu Beginn der stationären Behandlung
transnasal endoskopiert.
Grundlage
für die Indikationsstellung der instrumentellen
Untersuchung waren die Ergebnisse der klinischen
Untersuchung. Klinisch wurden die Muskelfunktionen,
die Sensibilität und die Atemwegsprotektion
begutachtet.
Die
Fiberendoskopie umfasste die Ruhebeobachtung und
die Funktionsprüfung - ohne und mit unterschiedlichen
Konsistenzen - vom Velopharynx bis zum Larynx.
Die strukturierte Befunderhebung erfolgte
mit Unterstützung der Videoaufzeichnungen
während der Fiberendoskopie.
Die
Ergebnisse der klinischen Untersuchung und der
Fiberendoskopie wurden miteinander verglichen.
Die Fiberendoskopie wurde auch bei Patienten mit
eingeschränkter Kooperationsfähigkeit
durchgeführt.
Die
endoskopische Untersuchung erstreckte sich über
ca. 25 Min. und war somit keine Momentaufnahme.
Es
traten keine Komplikationen, wie Schleimhautläsionen
oder Infektionen auf.
Die
fahrbare endoskopische
Einheit ermöglichte auch bedside Untersuchungen.
Endoskop
Das
von uns verwendete Fiberbronchoskop
hat einen großen Blickwinkel, der
die Orientierung in engen Stellen wie Nasenraum
und Larynx erleichtert.
Die
Arbeitslänge von 55 cm ermöglicht
auch die Untersuchung von unruhigen Patienten.
Durch den großen Abstand zum Untersucher
wird der Patient während des Schluckens nicht
beeinträchtigt.
Der
geringe distale Außendurchmesser
des Schlauches von nur 3,5mm führt bis auf
ein leichtes Kitzeln in der vorderen Nasenhöhle
zu keinen weiteren Beschwerden.
Dank
Absaugmöglichkeit durch einen integrierten
Instrumentierkanal war die Sicht immer frei.
Endolunch
Zur
Funktionsprüfung wurden halbflüssige,
flüssige und feste Konsistenzen
eingesetzt. Die mit Methylenblau eingefärbten
Boli zeichneten sich durch einen sehr guten Farbkontrast
zur Mukosa aus.
Untersuchungsvorbereitung
Die
Gerinnung wurde ausschließlich bei Patienten
unter Antikoagulation bestimmt.
Nüchternheit
war nicht obligat
Es
wurde keine Sedierung durchgeführt,
um iatrogen den Schluckakt nicht zu beeinflussen.
Ein
peripherer venöser Zugang und eine Pulsoxymetrie
erhielten ausschließlich Patienten mit kardialer
Insuffizienz.
Die meisten Patienten wurden im Sitzen
untersucht, nur bei sehr wenigen war eine bed-side
Untersuchung erforderlich.
Eine
vorherige Reinigung der Nase und abschwellende
Nasentropfen waren nicht erforderlich.
Die
Nasenschleimhaut wurde nicht lokal betäubt,
um eventuell ein Weiterfließen des Lokalanästhetikums
in den Rachen zu vermeiden.
Um
das Einführen des Endoskopes und das Weitergleiten
zu erleichtern wurde der Schlauch mit einem neutralen
Gel (Endopurin von Olympus) reichlich
eingestrichen.
Die
im Bild gezeigte Geräteanordnung
erlaubt die bewußte Mitarbeit des Patienten,
z.B. bei der Selbstreinigung von Sekretansammlungen
in den Pharynx-
Larynxstrukturen.
Transnasaler Zugang
Bei
allen Patienten war der transnasale Zugang (12)
unabhängig von der Höhe fast widerstandslos.
Der
obere Zugang erlaubte allerdings eine bessere
Ansicht des nasopharyngealen Überganges.
Bei Apoplexiepatienten mit Neglect profitierten
wir von der Nichtwahrnehmung beim Einführen
des Endoskopes auf der Hemiseite.
Positionierung I
Epipharyngeal
wurde in erster Linie der Abschluß der Nasopharynx
nach Auslösung des Schluckreflexes beurteilt.
Diese Positionierung war geeignet zur Reinigung
der verschmutzten Linse durch ein Abwischen der
Endoskopspitze entlang der lateralen Pharyngealwand.
Aus
mesopharyngealer
Sicht wurden, prädeglutitiv und postdeglutitiv,
der Pharynx und der Zungengrund bezüglich
Aspekt, Sensibilität, Tonus und Beweglichkeit
untersucht, mit besonderem Augenmerk auf den velolingualen
Abschluß und auf hypopharyngeale Sekretansammlungen.
Außerdem wurde hier die Effizienz der Selbstreinigungsmechanismen
geprüft.
Positionierung II
Hypopharyngeal,
in Höhe des Larynxadditus, wurden postdeglutitiv
Struktur- und Stellungsveränderungen des
Larynx, die Vorbereitung der Larynxstrukturen
während der oralen Phase, dann Speichelpendelbewegungen,
hohe oder tiefe Penetrationen und Aspirationen
der geprüften Konsistenzen beurteilt. In
dieser Höhe wurde auch auf eine eventuelle
Retention auf der hinteren Kommissur, als indirektes
Zeichen einer gestörten Öffnung des
oberen Ösophagussphinkters geachtet.
Die
supraglottische
Positionierung, strikt postdeglutitiv durchführbar,
war manchmal unerläßlich zur Fahndung
eines Überlaufs über die hintere Kommissur
und zum sicheren Ausschluß vom Aspirationsmaterial
an der nicht selten schlecht einsehbaren Trachealhinterwand
und den tieferen Abschnitten der Trachea. Es gab
bei einigen Aspirationspatienten postdeglutitiv
das Phänomen einer kompletten Reinigung des
Larynxvestibulums ausschließlich in die
Trachea hinein.
Videosequenzen von relevanten Störungen
Schleimpenetration:
ISDN
- Dual-ISDN
Pentration von halbfester Konsistenz: ISDN
- Dual-ISDN
Aspiration von Flüssigkeit: ISDN
- Dual-ISDN
Aspiration von Kaffee und Brot: ISDN
- Dual-ISDN
Aspiration von Brei: ISDN
- Dual-ISDN
Verschlucken einer Zahnprothese: ISDN
- Dual-ISDN
Verschlucken eines Joghurtbecherdeckels: ISDN
- Dual-ISDN
Ergebnisse
Die
von uns analysierten Daten wurden dem Fiberendoskopie-Untersuchungsbogen
entnommen.
Er erfaßte allgemeine Daten des Patienten,
schluckrelevante anamnestische Angaben, minutiöse
Angaben über Funktionsprüfungen, zunächst
ohne und dann mit unterschiedlichen Konsistenzen
und die empfohlenen Maßnahmen im Anschluß
an die instrumentelle Untersuchung.
Wir
haben in diesem Stadium der Untersuchung darauf
verzichtet, statistische Korrelationen zu errechnen,
weil das Gesamtkollektiv zu klein war. Wir haben
uns erst einmal einen Überblick über
die Datenlage verschaffen wollen.
95,2%
Patienten (n=100) wurden aus einer Akutklinik
übernommen, die übrigen Patienten wurden
vom Hausarzt überwiesen.
Das
mittlere Alter der Untersuchten betrug 77,7 Jahre.
Es fand sich kein signifikanter Altersunterschied
zwischen Patienten mit und ohne Aspiration.
Die
Dysphagie war zum Zeitpunkt der Aufnahme nur bei
42,9% der Untersuchten bekannt.
Das
mittlere Zeitintervall in Tagen zwischen Akutereignis
und instrumenteller Untersuchung (ausgenommen
Parkinsonpatienten) lag bei 44 Tagen.
Die
funktionelle Endoskopie ergab bei 97,1% der Patienten
einen auffälligen Befund (sprich Retention,
Penetration +/-Retention, Aspiration +/-Penetration
od. Retention).
Bei
35,8% der Untersuchten mit klinischem Verdacht
auf eine Aspiration konnte endoskopisch keine
Aspiration festgestellt werden.
Bezüglich
Aspirationskonsistenzen fand sich in 77,8% der
Fälle keine Übereinstimmung Klinik vs.
Fiberendoskopie.
Kommentar
Das
mittlere Zeitintervall zwischen Akutereignis und
Fiberendoskopie war bei Aspirationspatienten höher
als bei Patienten mit einem geringeren Grad von
Schluckstörungen, was auf einen komplizierteren
Verlauf in der Akutklinik hindeutet.
Patienten
mit Hirninfarkt waren in der Mehrheit, gefolgt
im großem Abstand von Multiinfarktpatienten,
dann Patienten mit Hirnblutung,
Patienten mit Parkinson.
Die
Läsionsseite spielte bei Aspiration keine
Rolle. Hierzu haben wir als Erklärung die
Erkenntnis, dass Rechts- und Linksdominanz der
kortikalen Representationen der am Schluckakt
beteiligten Muskeln ungefähr gleich häufig
sind.
Ein
unauffälliger Fiberendoskopie-Befund fanden
wir bei nur bei 3%, 21% der untersuchten Patienten
wiesen eine Retention, 25% eine Penetration bei
einer bestimmten Konsistenz +/-Retention bei anderen
Konsistenzen und 51% eine Aspiration bei einer
bestimmten Konsistenz +/-Penetration bzw. Retention
bei anderen Konsistenzen auf.
Mehr
als die Hälfte der fiberendoskopierten Patienten
zeigte eine Aspiration, wobei der Anteil der stillen
Form dominierte.
Bei
mehr als der Hälfte der Patienten mit endoskopisch
gesicherter Aspiration war die Dysphagie zum Zeitpunkt
der Verlegung in unsere Klinik
nicht bekannt.
Vor
der Verlegung in unsere Klinik erhielten 74% der
Patienten mit instrumentell gesicherter Aspiration
eine perorale Ernährung, 20% peroral und
über PEG, und nur 6% wurden ausschließlich
über PEG ernährt.
Patienten
mit endokopisch gesicherter Aspiration wiesen
anamnestisch die höchste Rate an Pneumonien
auf, so daß man hier von Aspirationspneumonien
ausgehen muss.
Unsere
Therapieempfehlungen bei Aspirationspatienten
wurden folgenden Gruppen zugeordnet, wobei Mehrfachnennungen
möglich sind: Ernährung
non peroral n=44, , Schluckdiät n=49, Kostaufbau
n=4, nasogastrale Ernährungssonde n=16, PEG
n=21, funktionelle Dysphagietherapie n=88.
Die Schluckdiät und der Kostaufbau erfolgen
bei uns unter engmaschiger Kontrolle des CRP,
um bei klinisch nicht rechtzeitig erkannter Aspiration
einer Infektentwicklung vorzubeugen und die perorale
Ernährung zu drosseln.
Schlussfolgerungen
Es
konnte eine hohe Prävalenz von Aspirationen
bei Patienten mit neurogenen Dysphagien nachgewiesen
werden. Der Anteil der stillen Aspirationen war
extrem hoch.
Die
klinische Untersuchung war nur eingeschränkt
zur Identifizierung der Aspirationskonsistenzen
geeignet.
Die
Dysphagie war zum Zeitpunkt der Übernahme
bei den meisten Patienten nicht bekannt.
Die
instrumentell gesicherte Aspiration führte
nicht automatisch zu einer non peroralen Ernährung,
sondern zu einer differenzierten und individuell
angepaßten Therapie.
Der
Einsatz apparativer Untersuchungsmethoden sollte
bereits früh in der Akutklinik und nicht
erst in späten Phasen der Versorgungskette
erfolgen, um
schwerwiegende Komplikationen zu vermeiden und
entsprechende Maßnahmen einzuleiten!
Literatur
Bartolome,
G.; Buchholz, D.W.; Feussner, H.; Hannig, Ch.
et al. (1999). Schluckstörungen. Diagnostik
und Rehabilitation. München / Jena: Urban
& Fischer
Karnell, M.P. (1994). Videoendoskopy from Velopharynx
to Larynx. Clinical Competence Series San Diego,
California: Singular Publishing
Mann, G.; Hankey, G.J.; Cameron, D. (1999). Swallowing
Funktion After Stroke. Prognosis and Prognostic
Factors at 6 Month. Stroke 30
Murray, J. (1999). Manual of Dysphagia Assessement
in Adults. San Diego: Singular Publishing
Stanschus, S. (2000). Videofluoroskopie und diätetische
Maßnahmen bei Dysphagie. Forum Logopädie:
Heft 3 (14)
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